Folge 13
Im Namen Allahs, des
Allerbarmers, des Barmherzigen, Lob sei Allah, dem Herrn der Welten. Allah segne
und schenke dem Propheten und seinen Gefährten Heil.
Friede sei mit euch!
Willkommen zu einer
neuen Folge unserer Sendung: "Ein Aufruf zum friedlichen Miteinander"!
Bevor ich euch in der
heutigen Folge das Leben vom Imam Al-Schafi’i vorstelle, möchte ich euch zehn
Punkte aufzeigen, die zum friedlichen Miteinander führen. Zu diesem „Rezept“ bin
ich aus eigener Erfahrung gelangt, vom Bücherlesen und aus den Biographien der
vier Imame, die das beste Beispiel für Koexistenz darstellen. Diese zehn Punkte
sind:
1.
Tue dein Bestes, um eine gemeinsame Basis zwischen dir und dem
Anderen zu finden.
2.
Suche nach dem Wissen, das dir dabei hilft, Gemeinsamkeiten zu
finden.
3.
Integriere dich positiv in die Gesellschaft und isoliere dich
nicht.
4.
Lehne keine Idee endgültig ab. Sie mag dir nützlich erscheinen
nach kleinen Veränderungen.
5.
Unterdrücke niemanden, der eine unterschiedliche Meinung
vertritt. Du machst ihn dir sonst zum Feind.
6.
Sei aufrichtig in deiner Absicht, Menschen näherzubringen und die
Wahrheit zu finden.
7.
Respektiere die Anderen. So gewinnst du ihre Herzen und ihr könnt
in Frieden zusammen leben.
8.
Sei flexibel und nicht starrsinnig.
9.
Sei eine liebevolle Person, auch zu denen, die anderer Meinung
sind.
10.
Koexistenz bedeutet nicht sich zu assimilieren und die eigene
Identität aufzugeben.
Eines der besten
Beispiele des friedlichen Miteinanders ist das Leben von Imam Al-Schafi’i. Er
lebte in der Blütezeit der islamischen Nation. Diese Blütezeit hatte zur Folge,
dass viele Menschen aus verschiedenen Nationen zum Islam konvertierten. Inder,
Perser, Europäer und v.a Spanier wurden Muslime und brachten ihre eignen
Gewohnheiten und Vorstellungen mit sich. Sie beeinflussten die Gesellschaft mit
ihrer eigenen Lebensweise, ihren Traditionen, ihren Bräuchen und ihren
Ansichten. Dies führte zu Konflikten zwischen den ursprünglichen und den neuen
Einwohnern in den damaligen islamischen Ländern. Auch die neue Generation von
Jugendlichen, die wohlhabend aufwuchs, begann sich von der Religion abzuwenden.
Wie sah es denn mit
der islamischen Rechtswissenschaft aus?
Wie wir schon sagten
war es eine sehr konfliktreiche Zeit. Es gab nämlich zwei verschiedene
Rechtsschulen: Abu Hanifas im Irak und Imam Maliks im Hidschaz. Die Anhänger
beider Rechtsschulen waren sich in vielen Fragen uneinig.
Al-Schafi’i war ein
Mann, der sich selbst hochgearbeitet hatte. Er fing also bei Null an! Sein Vater
war auf der Suche nach einem besseren Leben mit seiner Mutter nach Gaza
(Palästina) gezogen. Dort wurde Al-Schafi’i im Jahre 105 n.H. geboren. Er starb
im Jahre 204 n.H. im Alter von 54 Jahren. Sein Name war Muhammad Ibn Idriss Ibn
Al-Schafi’i Ibn Said Al-Qurashii. Seine Abstammung geht also auf den Propheten
(s) zurück (Stamm Quraisch).
Sein Vater starb, als
er zwei Jahre alt war und ließ ihn mit seiner jungen und armen Mutter zurück.
Sie widmete sich ganz ihrem Sohn und wollte, dass aus ihm ein großer Gelehrte
wird, der die Probleme und Konflikte der islamischen Nation lösen kann. Als
Folge dieser Entscheidung zog sie mit ihrem Sohn nach Mekka, dem Zentrum des
Wissens, damit ihr Sohn Wissen erwerben und den Koran auswendig lernen konnte.
Schon nach kurzer Zeit wurde Al-Schafi’i der beste Schüler unter seinen
Kameraden. Er begann ihnen schon mit vier Jahren schwierige Sachen zu erklären.
Der Lehrer selbst war sehr begeistert von ihm. Mit sieben hatte Al-Schafi’i den
Koran auswendig gelernt. Die Menschen weinten, als sie seine Koranrezitation
hörten.
Im Alter von 8-13
lernte er die Koranauslegung (Interpretation, arab. Tafsir) von dem
hervorragenden Gelehrten Suffyan und die Hadithwissenschaft von Muslim Ibn
Chalid, dem damaligen Imam der Gebetsstätte in Mekka. Al-Schafi’i war derart
arm, dass er kein Papier zum Schreiben hatte. Seine Mutter besorgte ihm
benutztes Papier, so dass er die Rückseite benutzen konnte. Manchmal fragte er
nach Papier als Sadakka (Spende). Seine Mutter ging auch zum Schlachthof
und brachte ihm Schulterknochen vom Kamel, um darauf zu schreiben.
Sie war eine
großartige Mutter!
Wir sollten von ihr lernen, wie man Kinder erzieht, die später Menschen einigen
können und die ein gutes Beispiel für Koexistenz, gemeinsamen Dialog und
gegenseitige Toleranz bieten.
Nun hat Al-Schafi’i
Koran, Tadschwid, Hadith und Tafsir gelernt. Einmal war Al-Laith Ibn Saad, der
Imam von Ägypten, zu Besuch in Mekka und hielt einige Vorträge. Er sagte, dass
die damalige Sprache ein Grund für die Uneinigkeit der Umma war. Ibn Saad
behauptete, wenn die Menschen das Hocharabische ernst nehmen und richtig
verstehen würden, würden sie sich einigen. Er sagte: “Wer die
Interpretationswissenschaft, Hadith und Sprache gut lernt, der wird mit Hilfe
Allahs (t) die Ummah einigen.” Die richtige Sprache konnte man zu dieser Zeit
nur in der Wüste finden, beim Stamm Huzail, dessen Anhänger sehr gute Dichter
waren.
Al-Schafi’i ging zu
seiner Mutter und erzählte ihr, was er gehört hatte. Sie sagte ihm: “Dann geh
und lerne von ihnen.” Er war 13 Jahre alt, als er seine erste „wissenschaftliche
Reise“ unternahm. Auf dieser Reise ging er zu dem Stamm, der am besten für seine
Sprachkenntnisse bekannt war. Er blieb dort vier Jahre und gewann zwei Sachen:
Er lernte Speerwerfen und wurde darin Experte, und er lernte das Hocharabische
(Poesie und Aphorismus) und er lernte 10 000 Verse.
Stell dir sein Gehirn
vor, das wie ein Fotoapparat war!
Er war 18 Jahre, als
er nach Mekka zurückkehrte. Zu dieser Zeit war er ein Profi im Speerwerfen,
konnte 10 000 Verse und Stammeskunde. Bei seiner Rückkehr sagte ihm Muslim Ibn
Chaled: „Es ist an der Zeit, dass du in Mekka bleibst und Fatwas gibst.” Damals
war Al-Schafi’i 19 Jahre alt!
Al-Schafi'i fragte
seine Mutter nach ihrer Meinung, ob er in Mekka bleiben und Fatwas geben soll.
Und sie sagte: „Nein, mein Sohn! Wenn du das tust, wirst du ein Teil des
Konflikts zwischen den verschiedenen Rechtsschulen und Richtungen werden, aber
wenn du dich geduldest, bis du ihr Wissen erworben hast, dann kannst du sie
einander näher bringen.“ Aus diesem Grunde weigerte er sich, Rechtsgutachten zu
erteilen und entschied sich, zu Malik zu gehen. Malik war der Imam von Medina
und der beste Gelehrte im ganzen Gebiet. Malik war zwischen 60 und 70 Jahre alt
und wurde von allen Herrschern respektiert, wie zum Beispiel Harun Ar-Raschid.
Al-Schafi’i fragte sich wie er einer seiner Schüler werden konnte. Er überlegte
was Malik am meisten liebte und gelang zu der Entscheidung, dass es sein Buch,
Al-Muwatta', war. Al-Schafi’i hatte kein Geld, um sich das Buch zu kaufen, so
lieh er sich eins aus und lernte es in einer sehr kurzen Zeit auswendig, um es
zurückzugeben. Er benötigte nur etwa 9 bis 15 Tage! Und zum dritten Mal wanderte
er aus. Diesmal nach Medina. Warum? Um die Menschen durch Wissen zu einigen.
Da sie kein Geld
hatten, entschied Al-Schafi’is Mutter, ihr Haus in Mekka zu verpfänden und nach
Medina umzuziehen. Al-Schafi’i hatte Bedenken, ob Malik ihn akzeptieren würde.
Deshalb ging er zum Herrscher von Mekka und bat ihn um ein Empfehlungsschreiben
an den Herrscher von Medina. Der Herrscher von Medina nahm den Brief und
begleitete Al-Schafi’i zu Maliks Haus. Als Malik den Brief gelesen hatte, fragte
er: „Seit wann wird Wissen auf Empfehlung gegeben?”
Al-Schafi’i sagte:
„Aber ich bin extra aus Mekka gekommen. Mein Vater ist verstorben und ich habe
den ganzen Muwatta’ auswendig gelernt. Bitte akzeptiert mich als euren Schüler.”
Malik schaute auf ihn
und fragte: “Wie ist dein Name?”
"Muhammad Ibn Idris
Al-Shafi'i Al-Quraschii"
"Wie ist deine Liebe
zur Wissenschaft?”, fragte Malik.
Al-Schafi’i
antwortete: "Ich höre jeden Buchstaben wie zum ersten Mal und wünsche mir, dass
alle meine Organe Ohren wären, damit sie das Wissen genauso genießen können, wie
meine Ohren.”
Malik fragte weiter:
“Wie sehr konzentrierst du dich auf die Wissenschaft?”
“Wie eine Mutter, die
ihren Sohn verloren hat und sich darauf konzentriert, ihn überall zu suchen”,
antwortete Al-Schafi’i.
Danach forderte Malik
ihn auf, etwas aus dem Muwatta’ aufzusagen.
Al-Schafi’i begann
einen Teil aufzusagen, dann stoppte er.
Malik forderte ihn
auf, mehr zu sagen.
Al-Schafi’i sagte
noch einen Teil auf, dann stoppte er wieder.
Und wieder forderte
Malik ihn auf, mehr zu sagen.
Malik schaute auf das
Gesicht von Al-Schafi’i und sagte: “Ich sehe, dass Gott dein Gesicht erleuchtet
hat. Folge meinem Rat: Behalte dieses Licht, indem du dich von Sünden fern
hältst. Komm Morgen zu meinem Vortrag und setze dich in die erste Reihe."
Al-Schafi’i blieb
neun Jahre bei Malik und dann bat er ihn um Erlaubnis nach Irak zu gehen, um Abu
Hanifas Wissen zu lernen. Malik war einverstanden. Aber Al-Schafi’i hatte kein
Geld und so gab ihm Malik von seinem Geld!
Al-Schafi’i ging auf
eine Erkundungsreise nach Irak und traf dort Muhammad Ibn Al-Hassan, einen
Studenten von Abu-Hanifa. Denn Abu Hanifa war ja schon verstorben. Ibn Al-Hassan
bewunderte Al-Schafi’i sehr. Nachdem er sich erkundigt hatte, kehrte er zu Malik
zurück. Malik bot ihm an, seinen Platz zu übernehmen und Fatwas zu geben.
Hier sehen wir wieder
das Wesen der Koexistenz! Aber Al-Schafi’i lehnte ab, weil ihm ein Teil des
Wissens im Irak noch fehlte. Könnt ihr euch das heute vorstellen? Jemand lehnt
eine hohe Position ab, weil er Wissen erwerben will? Und warum will er Wissen
erwerben? Nicht für persönliche Vorteile, sondern um die Menschen zu vereinigen.
Wenn wir doch bloß heute auch jemanden finden würden, der es sich zum Ziel
macht, die gespaltenen Sippen im Irak, im Libanon und überall auf der Welt zu
einigen!?
Al-Schafi’i lernte
also die Koranwissenschaften, Hadith, Interpretation und auch Sport. Er lernte
mehr als 10 000 Gedichtverse auswendig und hatte auch Wissen über die
Abstammungskunde und zusätzlich das gesamte Wissen von Malik. Er wollte auch
noch das Wissen von Abu Hanifa erwerben. Um nach Irak gehen zu können, entschied
sich Al-Schafi’i zuerst nach Yemen zu gehen, um dort zu arbeiten. Dort erwarb er
auch das Wissen über die Schiiten. Er lernte auch Physiognomie, was Malik zwar
hasste, weil es nichts mit Koran oder Sunna zu tun hatte.
Al-Schafi’i war
bereits ein Lexikon und wollte trotzdem nach Irak, um noch mehr Wissen zu
erwerben. In der nächsten Folge werden wir diese Station seines Lebens
behandeln.
Friede sei mit euch!
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