Folge
12
Im Namen Allahs, des
Allerbarmers, des Barmherzigen, Lob sei Allah, dem Herrn der Welten. Allah segne
und schenke dem Propheten und seinen Gefährten Heil.
Friede sei mit euch!
Willkommen zu einer
neuen Folge unserer Sendung: "Ein Aufruf zum friedlichen Miteinander"!
Heute werden wir mit
der Geschichte von Imam Al-Schafi’i beginnen.
Imam Al-Schafi’i stellt
ein außergewöhnliches Modell für das friedliche Miteinander dar. Dies erkennen
wir sofort, wenn wir betrachten wie er es schaffte, die vielen verschiedenen
Meinungen, die zu seiner Zeit herrschten, näherzubringen. Es mag eine
Überraschung für euch sein zu erfahren, dass er von seiner Mutter dazu angeregt
wurde. Sie hat ihm beigebracht, dass er Menschen zusammen bringen kann und dass
er sie ermutigen kann, ihre Streitigkeiten niederzulegen. Er hat sich an die
Worte seiner Mutter gehalten und sich diese Aufgabe zum Ziel gesetzt. Auch dies
ist ein Beispiel für das friedliche Miteinander zwischen Mutter und Sohn. Ich
möchte alle Mütter bitten, diesem Beispiel zu folgen und die wichtige Rolle, die
sie im Leben ihrer Kinder spielen, wahrzunehmen.
Bevor wir uns nun mit
der erstaunlichen Geschichte von Imam Al-Schafi’i befassen, möchte ich zuerst
kurz erwähnen was seine Zeitgenossen über ihn sagten. Obwohl Imam Ahmad Ibn
Hannbal auch ein berühmter Gelehrte war, wie Imam Al-Schafi’i, empfand er keinen
Neid gegen ihn. Er verehrte ihn und sagte seinem Sohn, dass er jeden Abend für
Imam Al-Schafi’i betete, wie er es für seine eigenen Eltern tat. Er glaubte,
dass Imam Al-Schafi’i genau so wichtig für die Menschen war, wie die Sonne für
unser Leben und unsere Gesundheit. Al-Schafi’i war ein Mensch, der die
verschiedenen Wissenschaften und den Islam hervorragend beherrschte und fließend
über die verschiedenen Wissensbereiche sprechen konnte.
Der Prophet Muhammad (s)
hatte das Erscheinen von Al-Schafi’i vorausgesagt. In einem Hadith betete er
Allah an, die Anhänger des Stammes Quraisch den rechten Weg zu führen. Ein
Gelehrter unter ihnen würde eines Tages die Religionswissenschaft auf der ganzen
Erde verbreiten. Er (s) sagte auch sinngemäß, dass Allah (t)
alle 100 Jahre jemanden zur islamischen Nation schickt, um ihren Glauben
aufzufrischen und sie zu festigen. Es gibt eine Übereinstimmung zwischen den
Gelehrten, dass diese Person in den ersten 100 Jahren der islamischen Geschichte
Umar Ibn Abdul Aziz war, der fünfte rechtgeleitete Kalif, der die Gerechtigkeit
zwischen den Menschen verbreitete.
Sie sind sich auch
einig, dass diese Person in den zweiten 100 Jahren Imam Al-Schafi’i war. Ohne
ihn wäre ein großer Konflikt zwischen den verschiedenen Meinungen entstanden.
Lasst uns sehen, wie
Imam Al-Schafi’i die Muslime damals zusammenführte.
Doch zuerst möchte ich
euch einen kleinen Überblick geben wie das Leben zu seiner Zeit aussah. Er lebte
zu einer Zeit, als die Abbasiden- Herrschaft ihren Höhepunkt erreicht hatte
(150-204 n.H.). Es war zur Zeit der Herrschaft von Harun Al-Rashid. Der
islamische Glaube war in vielen Ländern verbreitet. Obwohl diese weite
Verbreitung großartig war, weil sie Stärke für den Islam bedeutete, so war dies
doch nicht ohne Gefahr und hatte auch seine Nachteile. Die Menschen in den
vielen Ländern hatten unterschiedliche Kulturen, Ansichten, Gewohnheiten und
Neigungen. Einige von ihnen hatten auch keine guten Absichten gegenüber dem
Islam. Darüber hinaus war die Verbindung zwischen den einzelnen Ländern sehr
schwierig, weil es einen Mangel an Verkehrs- und Kommunikationsmitteln gab, was
die Kommunikation zwischen den verschiedenen Gruppen erschwerte.
Folglich beschloss
Al-Schafi’i es auf sich zu nehmen, alle paar Jahre in ein anderes Land zu ziehen
und dort für eine Weile zu leben. Dort konnte er seine Absicht erfüllen, die
Menschen einander näher zu bringen und Missverständnisse aufzuklären. Er reiste
in zehn verschiedene Länder und übte die Rolle eines Botschafters aus. Zu der
Zeit waren die meisten Gefährten des Propheten (s) bereits gestorben. Es gab
somit niemanden, der die Probleme und Streitigkeiten, die zur damaligen Zeit
auftraten, nach Koran und Sunna lösen konnte. Gleichzeitig gab es eine große
Anzahl von Jugendlichen, die sich nicht mit dem Glauben beschäftigten wollte.
Wisst ihr wie Imam
Al-Schafi’i es schaffte, dass die Jugendlichen ihm zuhörten? Er versuchte eine
gemeinsame Basis zu finden: Er trieb Sport und wurde somit „einer von ihnen“!
Darüber hinaus gab es einen großen
Konflikt nach der Ermordung von Uthman Ibn Affan (r),
dem dritten rechtgeleiteten Kalifen. Nicht zuletzt gab es welche, die eine
Chance abwarteten, um zu rebellieren und ihren eigenen Weg zu gehen. Auf der
anderen Seite war es eine Periode, die den Aufschwung der Kunst erlebte.
In der Zwischenzeit
entstanden Schulen, die versuchten, die neuen Ereignisse zu erklären. Wie wir
schon sagten, gab es zwei Rechtswissenschaftsschulen: Die erste war die im
Hidschaz unter der Führung von Imam Malik und die zweite im Irak, geführt von
Imam Abu Hanifa. Beide Schulen stießen in verschiedenen Themen aufeinander, wie
zum Beispiel Hadithe und wie sie ausgelegt wurden. Dies war eine sehr aktive
Phase in der Geschichte des Islam, weil es die erste Phase in der Aufstellung
der islamischen Rechtswissenschaft war. Die Anhänger der verschiedenen Schulen
waren sich in vielen Themen uneinig. Al-Schafi’i spielte eine große und wichtige
Rolle, indem er diese Gruppierungen von Konflikten befreite. Er versuchte, beide
Richtungen einander näher zu bringen und Harmonie zwischen ihnen zu schaffen.
Ich will euch heute ein
Beispiel dafür geben wie Al-Schafi’i es schaffte, die Konflikte zwischen den
beiden Schulen zu lösen. Er studierte das Wissen beider Schulen für eine lange
Zeit und legte die Grundlage für eine neue Forschung fest: die Grundlagen der
islamischen Rechtswissenschaft. Diese Wissenschaft beschäftigt sich damit,
Regeln aufzustellen, wie man das Wissen aus dem Koran und der Sunna verarbeitet.
Er verbrachte neun Jahre damit seine Methode des logischen Denkens zu
formulieren. Diese Regeln wurden später nach Europa überliefert und wurden dort
als die Basis für die wissenschaftliche Denkweise in den verschiedensten
Bereichen benutzt.
Seine Regeln und
Richtlinien waren sehr einfach:
·
Erstens: Die Grundlage für Erlaubtes und Verbotenes beruhte auf
der einfachen Idee, dass jeder Vers im Koran die Absicht hat, folgendes zu
schützen: Seele, Verstand, Glauben, Eigentum, Ehre. Wir können die Koranverse
und die Gebote Allahs verstehen, wenn wir begreifen, wozu diese Regeln da sind
und wovor sie uns schützen.
·
Zweitens: Er betonte die Wichtigkeit, sich an die Bedeutung der
Worte im Hocharabischen zu halten, um Missinterpretationen zu vermeiden. Somit
sind alle damaligen Versuche, einige Koranverse zu missdeuten, fehlgeschlagen.
·
Drittens: Er wies darauf hin, dass beim Versuch, die Lösung für
ein bestimmtes Problem zu finden, zuerst in allen Koranversen gesucht werden
muss, die dieses Thema behandeln. Dasselbe System wird mit den Hadithen
(Überlieferungen des Propheten (s)) angewendet. Wenn keine Lösung gefunden wird,
so soll man in den Aussagen der Gefährten des Propheten (s) suchen.
·
Die letzte Stufe der Analyse ist die Anwendung ähnlicher
Problemfälle im Koran oder in der Sunna; zum Beispiel das Verbieten von Drogen.
Da Drogen -wie Alkohol- zu einer Veränderung des Bewusstseinzustands führen und
der Gesundheit schaden, sind auch sie im Islam verboten (arab. haram).
·
Danach diskutierte er seine Methode getrennt mit beiden
islamischen Rechtsschulen, welche dieser Vorgehensweise zustimmten und sie
anwandten. Der Konflikt zwischen den damaligen Anhängern beider Schulen fand
endlich ein Ende, als Folge des aufrichtigen Einsatzes von Imam Al-Schafi’i.
Dies ist ein Hauptaspekt des friedlichen Miteinanders.
Ich würde gern die
heutige Folge mit einer Bitte beenden:
Wie wär’s, wenn wir
versuchen würden, eine gemeinsame Grundlage zwischen uns und den Anderen zu
finden – in der Familie, Nachbarschaft, im Arbeits- und Bekanntenkreis?
Über
Feedback würden wir uns sehr freuen (www.amrkhaled.net).
Friede sei mit euch!
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