Folge 5



"Ein Aufruf zum friedlichen Miteinander"

Folge 5

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen, Lob sei Allah, dem Herrn der Welten. Allah segne und schenke dem Propheten und seinen Gefährten Heil.

Friede sei mit euch!

Willkommen zur fünften Folge unserer Sendung: "Ein Aufruf zum friedlichen Miteinander"!

In der heutigen Folge werden wir lernen, wie wir miteinander umgehen können, wenn wir unterschiedliche Ansichten haben, wenn wir jemanden überzeugen wollen, oder gemeinsam versuchen, ein bestimmtes Problem zu lösen.

Wie gehe ich mit dir um, wenn ich anderer Meinung bin? Welche Möglichkeiten gibt es?

Wir werden hier fünf Methoden darstellen, die jeder in seinem täglichen Leben anwenden kann, um mit anderen Mitmenschen friedlich zu leben- zu koexistieren. Allah sagt: [... und ordnet die Dinge in Eintracht unter euch und gehorcht Allah und Seinem Gesandten, wenn ihr Gläubige seid.] (8:1).

Abu Hanifas Idee der Ableitung in der Rechtswissenschaft entstammt einem Hadith, in dem folgendes erzählt wird: Der Prophet Muhammad (s[1]) fragte Muaz Ibn Dschabal, den er als Richter nach Jemen sandte, wie er seine Urteile fällen wurde. Muaz antwortete: „Zuerst werde ich im Koran suchen.“ Der Prophet (s) fragte: „Und wenn du da keine Antwort findest?“ Da sagte er: Dann suche ich in der Sunna.“ Der Prophet (s) fragte weiter: „Und wenn du da nichts findest?“ Muaz antwortete: „Dann werde ich mir Mühe geben und Ähnlichkeiten mit früheren Ereignissen suchen und davon mein Urteil ableiten (arab. Idschtihad).“ Der Prophet (s) akzeptierte diese Antwort von Muaz und lobte ihn dafür. Was bedeutet, dass er (s) dieses Prinzip akzeptierte.

Einige werden jetzt fragen, warum Abu Hanifa dann kritisiert wurde, wenn der Prophet (s) diese Methode doch akzeptierte. Die Antwort ist ganz einfach. Die Menschen glaubten damals, dass nur die Gefährten des Propheten (r[2]) das Recht dazu hätten.

Abu Hanifa war aber weitsichtiger als die meisten anderen Gelehrten und erkannte, dass die ständigen Veränderungen in der Gesellschaft auch neue Regeln benötigten. Wenn er das nicht getan hätte, wäre die damals praktizierte Religion hinter der Entwicklung zurückgeblieben und einige Menschen hätten gedacht, dass der Islam nicht mehr zeitgemäß wäre; was einfach nicht stimmt! Der Koran und die Sunna sind für alle Zeiten gültig denn der Islam stellt eine komplette Lebensweise dar und ist für alle Zeiten und für alle Gesellschaften geeignet.

Für seine Meinung und die Einführung dieser neuen Methode wurde Abu Hanifa stark kritisiert. Trotzdem war Abu Hanifa erfolgreich, weil er in der Lage war, mit allen Typen von Menschen umzugehen. Der Prophet (s) hat gesagt, dass die Probleme und Streitigkeiten zwischen den Muslimen zum Rückgang ihrer Religion führen würden.

Es gibt fünf Methoden, um mit den verschiedenen Menschentypen umzugehen, wenn wir unterschiedliche Meinung haben:

1. Vernunft und Logik

2. Praktische Methoden (Beispiele)

3. List

4. Ruhe und Geduld

5. Standhaft bleiben und an den eigenen Prinzipien festhalten

Die erste Methode: Der Umgang mit Menschen auf Grund von Vernunft:

Abu Hanifa wurde im Hidschaz für seine Anschauungen kritisiert. Ihm wurde vorgeworfen, seiner eigenen Meinung zu folgen und Koran und Sunna zu vernachlässigen. Als er auf der Pilgerfahrt war, traf er Al-Imam Muhammad Al-Baqir, der ein Nachfahre des Propheten (s) (arab. Aal al-Bayt) war. Der Imam beschimpfte Abu Hanifa, weil er die Religion seines Großvaters verändert hätte. Abu Hanifa bestritt das, aber Al-Baqir bestand auf seinen Anschuldigungen. So forderte Abu Hanifa ihn auf, sich auf einen gemütlichen Platz zu setzen, damit sie diese Angelegenheit diskutieren konnten.

Al-Baqir setzte sich auf einen Stuhl, während Abu Hanifa sich auf den Boden setzte und sagte, sein Respekt für ihn (Al-Baqir), wäre genau so groß wie der Respekt der Gefährten für den Propheten (s). Achtet darauf, wie sich Abu Hanifa verhält, denn Vernunft beinhaltet nicht nur das Sprechen, sondern auch das Handeln. Abu Hanifa handelt nicht aus Schwäche, sondern weil er ein bestimmtes Ziel hat.

Sein Ziel ist es, nicht zu gewinnen, sondern die Wahrheit zu erreichen. Abu Hanifa hat dazu einen sehr schönen Spruch: „Ich bin zu dem, der mit mir uneinig ist, wie ein Mann in der Wüste, der sein Kamel sucht. Der Mann will nur sein Kamel haben, unabhängig davon, ob er es selbst findet, oder ein Anderer. Und für mich ist es nur wichtig die Wahrheit zu finden, egal ob ich Recht habe oder ein Anderer.“

Seht ihr! Abu Hanifa ist nur daran interessiert, die Wahrheit zu finden. Er hat keine persönlichen Interessen. Er setzt sich auf den Boden, um Al-Baqir seine Einstellung zum Propheten (s) zu zeigen. Wie kann ein Mann, der die Nachfahren des Propheten (s) so respektiert, seine Worte ignorieren!? Abu Hanifa begann zuerst mit der Bestimmung des Streitpunktes, in dem er sagte: „Du sagst, dass ich meine Meinung befolge und die Sunna des Propheten missachte.“ Al-Baqir sagte: „Genau, so ist es.“

Da sagte Abu Hanifa: „Ich stelle dir drei Fragen.“ Er beabsichtige damit, die Diskussion mit ein paar einfachen Fragen zu beginnen, um eine gemeinsame Basis zu finden.

Die erste Frage war: „Wer ist körperlich schwächer: Männer oder Frauen?“ Al-Baqir antwortete: „Frauen.“ Abu Hanifa sagte: „Der Erbschaftsanteil eines Mannes ist manchmal doppelt so groß wie der, einer Frau. Wenn ich die Worte des Propheten (s) ignorieren würde, hätte ich in solchen Fällen den Frauen das doppelte gegeben, weil sie schwächer sind. Aber ich würde es nie wagen, so etwas zu tun.“

Die zweite Frage war: „Was wird bei Allah höher bewertet: Fasten oder Beten?“ Al-Baqir antwortete: „Beten.“ Abu Hanifa sagte, wenn er seiner eigenen Meinung folgen würde, würde er den Frauen sagen, dass es besser wäre, wenn sie das Beten für die Tage nachholen, die sie im Fastenmonat Ramadan verpasst haben, anstatt das Fasten. Aber er würde sich nie trauen so etwas zu sagen, da es nicht mit der Meinung des Propheten (s) übereinstimmt.

Die dritte Frage war: „ Was ist unreiner, Urin oder Sperma?“ Al-Baqir antwortete: „In meines Großvaters Religion ist es Urin.“ Abu Hanifa sagte: „Das ist auch meine Meinung, doch würde ich nie sagen, dass die Menschen nach dem Urinieren die große Waschung vornehmen müssen und nach dem Geschlechtsverkehr nur die Kleine. Siehst du, Al-Baqir, ich habe nichts an der Religion deines Großvaters (s) geändert. Ganz im Gegenteil, ich habe die Menschen der Religion näher gebracht, indem sie für ihre Fragen Antworten in der Religion fanden. Ich habe nur dann meine Meinung gesagt, wenn ich in der Sunna keine Antwort fand.“ Hier endete die Diskussion, in dem Al-Baqir Abu Hanifa auf die Stirn küsste.

Ihr seht Abu Hanifa begann keinen Streit. Er hat seine Meinung mit Vernunft geäußert und versucht, den Anderen von seiner Meinung zu überzeugen. Er hat nicht einfach gesagt, was du sagst, stimmt nicht und wenn es dir nicht passt, dann ist es mir egal.

Ein anderes Beispiel war, als ein paar Anhänger einer damaligen Sekte die Kufa Moschee mit ihren Schwertern betraten. Sie fragten Abu Hanifa nach zwei Beerdigungen für zwei Personen, die große Sünden begangen hatten. Sie wollten wissen, ob sie als Gläubige gestorben waren oder nicht.

Die erste Beerdigung war für einen Mann, der ein Alkoholiker war und beim Weintrinken starb. Die zweite Beerdigung war für eine Frau, die Ehebruch begangen hatte und während der Schwangerschaft starb. Sie vertraten sehr extreme Ansichten und meinten, dass jemand, der eine große Sünde begeht, zum Ungläubigen wird.

Abu Hanifa wusste, dass sie ihn töten würden, wenn er eine andere Meinung vertreten würde! Abu Hanifa sagte deshalb, sie sollten zuerst ihre Schwerter wegpacken, damit er sich konzentrieren könne. Dann tat er so, als ob er ihre Frage vergessen hätte.

Er fragte ob die Verstorbenen Juden oder Christen seien. Sie sagten, sie wären keins von beiden. Also fragte er sie nach ihrer Religion und sie antworteten Muslime. Abu Hanifa hatte sie dazu gebracht, die Wahrheit zu sagen und selbst zu bekennen, dass sie Muslime waren und als solche beerdigt werden mussten.

Sie waren etwas verwirrt und fragten, ob die Toten nun ins Paradies oder in die Hölle kommen. Abu Hanifa antwortete mit einer Gegenfrage. - Und das war immer sein Prinzip. Nie direkt auf solche Fragen zu antworten. - „Glaubt ihr an den Koran?“ Sie bestätigten das und so nannte er ihnen als Antwort Verse aus dem Koran, wo Allah sagt: [Mein Herr, sie haben viele Menschen irregeleitet. Wer mir nun folgt, der gehört sicher zu mir; und wer mir nicht gehorcht - siehe, Du bist Allverzeihend, Barmherzig] (14:36). Und [Wenn Du sie bestrafst, sind sie Deine Diener, und wenn Du ihnen verzeihst, bist Du wahrlich der Allmächtige, der Allweise.] (5:118). Somit endete die Diskussion zu Gunsten von Abu Hanifa.

Die zweite Methode: Der Umgang mit Menschen auf Grund von praktischen Methoden:

Abu Hanifa war auch in der Lage mit denen umzugehen, die sich nur durch praktische Methoden überzeugen ließen.

Er diskutierte eines Tages mit Atheisten und versuchte sie durch Vernunft zu überzeugen, aber er war erfolglos. Nach langer Diskussion sagte er: „Ich bin heute müde, lasst uns die Diskussion Morgen fortsetzen.“ Er bestimmte eine Uhrzeit, zu der sie sich treffen wollten und wies sie an, sich ja nicht zu verspäten. Alle waren pünktlich da und warteten auf Abu Hanifa, der sehr spät kam.

Sie waren schon sehr verärgert, dass er sie so lange warten ließ. Er entschuldigte sich und sagte, der Grund für seine Verspätung war, dass er auf der anderen Seite des Flusses wohnte und kein Boot finden konnte, das ihn auf diese Seite brachte. Sie fragten ihn, wie er denn dann gekommen sei. Und er sagte, während er am Ufer stand und wartete, kam ein Holzstück geschwommen. Dann kamen noch andere Holzstücke und sie fügten sich zu einem Boot zusammen. Er stieg in das Boot, das ihn dann von allein auf diese Seite brachte. Die Atheisten glaubten ihm diese Geschichte nicht und meinten, er unterschätze ihren Verstand und mache sich über sie lustig. Abu Hanifa entgegnete verwundert, warum sie nicht glauben konnten, dass ein Boot durch Zufall entstehen konnte, wo sie doch fest überzeugt waren, dass die ganze Welt durch Zufall entstanden ist!?

Ein anderes praktisches Beispiel: Eines Tages hörte Abu Hanifa, wie ein Mann den Prophetengefährten, Uthman Ibn Affan (r) als Ungläubigen beschimpfte. Abu Hanifa ging zum Haus dieses Mannes und sagte ihm, er hätte einen Bräutigam für seine Tochter- einen reichen, noblen, ehrbaren und gutaussehenden Mann. Der Mann sagte, das ist sicher ein guter Mann ins Besondere, wenn Abu Hanifa ihn vorschlägt. Abu Hanifa sagte: „Es gibt nur ein kleines Problem, der Mann ist ungläubig.“ Da lehnte der Mann entschieden ab und wunderte sich wie Abu Hanifa annehmen konnte, dass er seine Tochter mit einem Ungläubigen verheiraten würde, nur weil er reich ist. Abu Hanifa antwortete ihm, dass er sich ebenfalls wundere wie er annehmen könne, dass der Prophet (s) seine beiden Töchter mit Uthman (r) verheiraten würde, wenn er ein Ungläubiger wäre. Der Mann war sofort überzeugt und bat Allah um Vergebung.

In einem dritten Beispiel vertrat Abu Hanifa die Meinung, dass die Betenden im gemeinsamen Gebet die Sure Al-Fatiha (Sure 1 im Koran) nicht zu rezitieren brauchen, da der Vorbetende (arab. Imam) sie für alle rezitieret. Diese Meinung wurde von vielen abgelehnt. Einige Gelehrte kamen extra aus Medina, um mit Abu Hanifa zu diskutieren. Er sagte, dass er nicht mit allen gleichzeitig diskutieren könne und bat sie, den gelehrtesten unter ihnen auszuwählen, mit dem er diskutieren könne. Als sie einen ausgewählt hatten, fragte er: „Werdet ihr alles akzeptieren, was er sagt, unabhängig davon wer gewinnt?“ Sie antworteten: „Ja.“ Da sagte er: „Ihr habt gegen euch selbst bezeugt! Genau dies ist meine Meinung! Es genügt, wenn einer für uns alle spricht, in dem Fall, wenn nur der Imam die Sure Al-Fatiha rezitiert.“

Sie waren alle noch jung und etwas verwirrt. Er sagte ihnen dann: „Ihr kommt aus Medina, wo der Gelehrte Malik ist, der die Meinung vertritt, dass jeder Betende die Fatiha selbst aufsagen muss. Wenn ihr nach Medina zurück kehrt, dann befolgt Maliks Anweisungen. Und ich selber werde Malik befolgen, wenn ich in Medina bin.“

Die dritte Methode: Der Umgang mit Menschen auf Grund von intelligenter List:

Einige Menschen sind unflexibel. Abu Hanifa benutzte seine bekannten "Tricks", wenn er mit Logik nicht weiterkam.

Abu Dschaafar Al-Mannsur war der Herrscher im Irak und er tötete viele Menschen. Ein Mann Namens Abu Al-Abbas hasste Abu Hanifa und gehörte zu Al-Mannsurs Ratgebern. Al-Mannsur lud Abu Hanifa zur Teilnahme an einer Gerichtsverhandlung ein. Als Abu Al-Abbas ihn kommen sah, sagte er zu einem Mann neben ihm: „Ich werde Abu Hanifa heute umbringen lassen.“ Und Abu Hanifa ahnte was der Mann vorhatte.

Abu Al-Abbas betrat den Raum und sagte: „Mein Herrscher, ich möchte Abu Hanifa eine religiöse Frage stellen.“ Al-Mannsur achtete Abu Hanifa, weil er führend in islamischen Angelegenheiten war, erlaubte ihm aber die Frage. Abu Al-Abbas sagte: „Abu Hanifa, wenn der Herrscher ein Urteil über jemanden fällt und uns befiehlt, ihn zu töten. Soll ich ihn töten und dem Herrscher gehorchen, oder soll ich ihm nicht gehorchen?“ Abu Hanifa fragte ihn, ob die Befehle des Herrschers auf Wahrheit oder auf Lügen beruhen. Abu Al-Abbas antwortete: „Auf Wahrheit.“ Da sagte Abu Hanifa: „Vollziehe die Wahrheit, ohne zu fragen.“ Da Abu Al-Abbas durch diese Antwort in Verlegenheit gebracht worden war, änderte Abu Hanifa das Thema und erzählte eine lustige Geschichte. Danach wurden Abu Hanifa und Abu Al-Abbas gute Freunde.

Menschen, wie Abu Hanifa, entwickeln sich durch den Umgang mit Anderen. Isoliert euch also nicht von den Menschen! Der Prophet (s) sagte, dass der Gläubige, der Kontakt zu Menschen hat und unter ihren schlechten Seiten leidet, besser ist, als derjenige, der sich ganz von den Menschen isoliert.

Ein anderes Beispiel war als ein streitendes Ehepaar zu Abu Hanifa kam. Der Ehemann sagte, er hätte geschworen, sich von seiner Frau zu scheiden, wenn sie nicht als Erste zu ihm sprach. Und sie sagte, sie würde nicht mit ihm sprechen, bevor nicht er zu ihr sprach. Der Mann wollte wissen, ob sie sich jetzt scheiden mussten. Abu Hanifa sagte: „Nichts ist passiert. Ihr seid nicht geschieden. Geht nach Hause und macht das nie wieder.“ Als Suffyan Al-Thawry, ein großer Gelehrter, davon hörte, ging er zu Abu Hanifa und sagte: „Wie kannst du eine uneheliche Beziehung erlauben? Die Beiden sind doch geschieden!“ Abu Hanifa antwortete: „Ich habe keine uneheliche Beziehung erlaubt. Die Sache ist ganz einfach. Die Frau sagte zu ihrem Mann, dass sie nicht mit ihm sprechen wird, bevor er mit ihr spricht. Indem sie das sagte, hatte sie bereits als Erste zu ihm gesprochen! Ich bin durch Intelligenz zur Lösung gelangt. Ich habe keine Sünde gewilligt.“

Die vierte Methode: Der Umgang mit Menschen auf Grund von Ruhe und Geduld:

Einige Menschen können durch keine der vorigen Methoden überzeugt werden. Solche Menschen sind besonders diejenigen, die dich aus Neid oder Hass beschimpfen. Was machst du in einer solchen Situation?

Abu Hanifa wurde oft beleidigt, weil er neue Methoden entwickelte, die zu seiner Zeit nicht akzeptiert wurden. Eines Tages wurde Abu Hanifa von einem jungen Mann als Ungläubiger beschimpft. Abu Hanifa antwortete: „Nur Allah (t[3]) weiß, dass ich es nicht bin. Ich werde Allah bitten, mir zu vergeben, falls du Recht hast und dir zu vergeben, falls du Unrecht hast.“ Der junge Mann sagte: „Ich habe Unrecht. Ich bitte Allah um Vergebung.“

Wer von uns kann so reagieren wie Abu Hanifa? Ich denke, für die meisten von uns wäre so was der Anlass für einen großen Streit mit dieser Person, oder wir würden nie wieder mit ihr sprechen.

Wenn ihr aber seht wie Abu Hanifa die Ruhe bewahrt, dann könnt ihr die Leute auf eure Seite gewinnen.

Ich möchte auch noch anmerken, dass er nicht nur mit denen Geduld hatte, die eine andere Meinung hatten, sondern auch mit den Ungehorsamen.

Abu Hanifa war dafür bekannt, dass er das freiwillige Nachtgebet jeden Abend verrichtete. Er hatte einen jungen Nachbarn, der viel trank und dann laut zu singen begann, dass er alles verloren hätte.

Was würdest du tun, wenn du einen solchen Nachbarn hättest? Würdest du Geduld mit ihm haben, oder würdest du zu ihm gehen und ihn beschimpfen. Vielleicht sogar die Polizei rufen. Das alles tat Abu Hanifa nicht. Er wartete geduldig einen günstigen Augenblick ab. In einer Nacht hörte Abu Hanifa den jungen Mann nicht. Als er nach ihm fragte, erfuhr er, dass die Polizei ihn festgenommen hatte. Er ging noch in der selben Nacht zur Polizei und löste ihn aus. Auf dem Rückweg sprachen sie kein Wort. Als sie ankamen, sagte Abu Hanifa: „Du kannst an meinem Unterricht in der Moschee teilnehmen, wenn du magst.“ Und dieser junge Nachbar wurde später einer von Abu Hanifas Studenten.

Seid ihr in der Lage, euch so zu verhalten?

Können wir so viel Geduld und Ruhe aufbringen, mit Menschen, die Sünden begehen? Ist es nicht besser dem Sündigen zu helfen, als ihn zu strafen?

Abu Hanifa liebte es auch zu scherzen. Eines Tages war er krank und ein Mann besuchte ihn. Der Mann blieb über eine Stunde und Abu Hanifa war müde. Der Mann sagte: „Es scheint, dass ich dich ermüdet habe.“ Abu Hanifa antwortete: „Nein überhaupt nicht, du ermüdest mich, selbst wenn du zu Hause bist.“ Beide lachten!

Durch dieses Programm lernen wir wie wir alle in Frieden miteinander leben können. Dies ist der Umgang, den uns unser Prophet (s) mit Andersdenkenden gelehrt hat. Dieses Programm möchte auch zeigen, wie sehr der Islam Koexistenz befürwortet. Sie ist eine Grundlage des Islam! Wir mögen diese Lebensweise zur Zeit vielleicht nicht vorfinden, doch ändert dies nichts daran, dass sie eine Grundlage unserer islamischen Religion ist.

Die fünfte Methode: Der Umgang mit Menschen durch Bestehen auf der eigenen Meinung:

Darum ist der letzte Punkt heute, dass du auf deiner Meinung bestehst, wenn jemand versucht, dir in Grundaspekten seine Meinung aufzuzwingen. Koexistenz heißt nicht, deine Persönlichkeit aufzugeben, oder auf deine Rechte zu verzichten.

Der Herrscher, den wir schon früher erwähnt haben, Al-Mannsur, plante einen Komplott gegen Abu Hanifa, weil er ihn fürchtete. Er nahm an, dass er gegen seine Familie, die Abbassiin, war. Er ernannte Abu Hanifa zum Richter, aber Abu Hanifa lehnte ab. Er weigerte sich, weil er wusste, dass der Herrscher den Richtern keine Freiheit ließ. Und Freiheit war eines seiner Grundprinzipien im Leben.

Weil er dem Herrscher den Gehorsam verweigerte, wurde er zu 120 Peitschenhieben verurteilt. Jeden Tag zehn starke Schläge. Er blutete sehr stark, trotzdem lehnte Abu Hanifa ab und sagte: „Ich werde es nicht akzeptieren, ich bleibe frei.“

Dies ist die Methode wie dieser großartige Mann koexistierte, ohne sich selbst aufzugeben.

Abu Hanifa wurde stark gepeitscht, für viele Tage gefangengenommen und ihm wurde verboten, seine Meinung in religiösen Angelegenheiten zu äußern. Nun liegt er im Sterbebett.

Er war in seinem Leben erfolgreich, weil er in der Lage war, in Frieden mit sich selbst und mit anderen zu leben. Er war ein frommer Gläubiger. Er war auch ein eleganter Mann und trug teuere Kleidung. Er war eine Universität für sich!

Über seinen Tod gibt es zwei Erzählungen: Einige Menschen sagen, dass er im Gefängnis gestorben ist, während andere sagen, dass er einige Tage nach dem er aus dem Gefängnis kam gestorben ist. Al-Mannsur fürchtete, dass ein Volksaufstand passieren könnte, nach dem Abu Hanifa die 120 Peitschenschläge bekommen hatte und deshalb ließ er ihn frei.

Als Al-Mannsur Abu Hanifa freiließ, war er sehr schwach und müde von der Gefangenschaft. Sein Sohn sagte zu ihm: „Ich möchte deine Meinung zu der und der Sache wissen.“ Er antwortete: „Ich kann nicht, mein Sohn. Der Herrscher hat mir verboten, religiöse Urteile zu äußern.“

Weil Abu Hanifa die Muslime vereinigen wollte, widersprach er dem Herrscher und behielt seine Freiheit. Gleichzeitig hätte er einen Aufstand organisieren können, aber das wäre gegen seine Absicht, die Muslime zu vereinigen.

Als Abu Hanifa starb, verrichteten 50,000 Menschen das Todesgebet und sprachen Bittgebete für ihn. Sie waren nicht in der Lage, alle zur gleichen Zeit zu beten und mussten in sechs aufeinanderfolgenden Gruppen beten.

Der letzte, der für Abu Hanifa betete, war sein Sohn Hammad. Und wisst ihr was? Abu Dschaafar Al-Mannsur betete auch für ihn!

Diejenigen, die an Freiheit und Koexistenz glauben, sind unsterblich. Diejenigen, die an Macht und Stärke glauben, sind sterblich.

Allah ist gütig! Der bekannte islamische Gelehrte, Al-Schafi’i, wurde im selben Jahr geboren, in dem Abu Hanifa starb.

Wir sind nun fertig, mit der Geschichte von dem großen Gelehrten Abu Hanifa. Unsere nächste Folge wird Inshaa Allah (so Gott will) über einen anderen großen Gelehrten islamischer Rechtswissenschaft sein.

Als der große Führer und Feldherr, Salah Ad-Din, nach Ägypten kam, befahl er, dass Abu Hanifas Rechtswissenschaft in den ägyptischen Schulen gelehrt wird, obwohl er selbst die Schule von Imam Al-Schafi’i befolgte! Er sandte seine Söhne nach Medina, um die Rechtswissenschaft von Imam Malik zu lernen. Das ist ein großartiges Beispiel für Koexistenz. Er glaubte fest an das friedliche Miteinander und das ist der Grund warum er erfolgreich war.

Bevor Abu Hanifa starb, bat er die Menschen bei seinem Begräbnis einen bestimmten Platz zu meiden, weil er unrechtmäßig von Al-Mannsur besetzt worden war. Er wollte an einem freien Platz begraben werden! Als Al-Mannsur davon hörte, sagte er: „Wer wird mir das vergeben, was ich Abu Hanifa in seinem Leben und nach seinem Tode angetan habe?“

Möge Abu Hanifa in Frieden ruhen. Die Gelehrten sagen, es ist die Pflicht jedes Muslims, für Abu Hanifa zu beten, weil er die islamische Rechtswissenschaft begründet hat, auf die wir uns heute berufen.

Damit beende ich die heutige Folge. Allahs Friede sei mit euch.


[1] salla-l-lahu 'alaihi wa sallam: Allah segne ihn und schenke ihm Heil. Segensformel, die nach koranischer Aufforderung (vgl. 33:56) bei der Erwähnung des Propheten Muhammad gesprochen werden soll. Nach islamischer Tradition wird dies vor allem regelmäßig bei der Erwähnung des Propheten getan.

 

[2] radya Allahu ’anhu/’anha: Allahs Wohlgefallen auf ihm/ihr. Wird der Erwähnung der Namen der Gefährten, Nachfolger des Propheten (s) und der Mütter der Gläubigen beigefügt.

 

[3] ta'ala: erhaben. Wird der Erwähnung Allahs beigefügt: Allah, der Erhabene

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