"Ein Aufruf zum
friedlichen Miteinander"
Folge 4
Im Namen Allahs, des
Allerbarmers, des Barmherzigen, Lob sei Allah, dem Herrn der Welten. Allah segne
und schenke dem Propheten und seinen Gefährten Heil.
Friede sei mit euch!
Willkommen zur
vierten Folge unserer Sendung: "Ein Aufruf zum friedlichen Miteinander"!
Heute erzähle ich
euch mehr zu der Lebensgeschichte von Imam Abu Hanifa, dem Begründer der ersten
und großartigsten Rechtswissenschaftsschule im Islam.
Der Gesandte Allahs (s[i])
hat uns den Koran und die Sunna hinterlassen. Muslime mussten lernen wie sie
ihre neuen täglichen Probleme auf Grund von Koran und Sunna lösen können. Dies
war die Rolle der islamischen Rechtswissenschaft (arab. Fiqh). Alle vier
Imame haben die Grundlagen für diese Rechtswissenschaft gelegt. Abu Hanifa war
der Erste! Er wird als eine außergewöhnliche Person betrachtet und ihm wird
zugesprochen, der erste gewesen zu sein, der mit der Einteilung und dem
Niederschreiben der islamischen Rechtswissenschaft begonnen hat. Er selbst hat
kein eigenes Buch geschrieben, sondern ließ die verschiedenen Ideen und
Meinungen aufzeichnen, die in seinem Lehrkreis behandelt wurden. Erst später
wurde dieses Wissen von seinen Schülern in einem Buch zusammengefasst.
Die Großartigkeit Abu
Hanifas besteht darin, dass er die Bedürfnisse der Gesellschaft erkannte.
Koexistenz heißt
nämlich nicht nur in Frieden miteinander zu leben, sondern auch die Bedürfnisse
anderer Mitmenschen zu erkennen und auf sie einzugehen. Dies ist eine höhere
Stufe der Koexistenz. Wenn du also keine Probleme mit deinen Mitmenschen hast,
brauchst du nicht zu denken, dass dieses Programm dich nicht anspricht. Ganz im
Gegenteil! Auch du bist angesprochen und gefordert. Deine Aufgabe besteht darin,
nach Wegen zu suchen, um deinen Mitmenschen zu einem besseren Leben zu
verhelfen.
Der Prophet Muhammad (s) lebte im
Hidschaz und ebenso seine Gefährten, Abu Bakr, Umar und Uthman (r[ii])
während ihrer Herrschaftszeit. Danach war der Sitz der islamischen Herrschaft im
Irak und es wurde somit zum Zentrum der islamischen Welt. Der Irak wurde zu
einem internationalen Ort.
Bagdad war die
Hauptstadt der islamischen Welt, um nicht zu sagen der gesamten damaligen Welt:
Es gab dort eine sehr schnelle Entwicklung und zu dieser Zeit wuchs Abu Hanifa
in Bagdad auf. Im Jahre 80 n.H. lebten 2 Millionen Menschen in Bagdad; was eine
sehr große Anzahl darstellte.
Außerdem gab es eine
sehr große Übersetzungsbewegung aus allen Sprachen ins Arabische. Es ging um die
Übersetzung aller Wissenschaften, Ideen und Philosophien aus allen Sprachen. In
Bagdad fand der größte Aufschwung statt, also war hier auch die stärkste
Anziehung für alle.
Viele Menschen aus
den verschiedensten Ländern traten in den Islam ein. Es gab ständig neue Ideen
und Erfindungen. Als Folge davon hatte die Gesellschaft ständig neue Bedürfnisse
und Rechtsfragen.
Im Gegensatz dazu
blieb im Hidschaz alles sehr ruhig. Die Rechtswissenschaft in Mekka und Medina
beruhte auf den konkreten Vorgaben von Koran und Hadith. Für das dortige Leben
war das auch vollkommen ausreichend, aber für das sich täglich verändernde Leben
im damaligen Irak reichte das nicht mehr aus.
Abu Hanifas
Leistungen:
Selbstverständlich
etablierte Abu Hanifa seine islamische Rechtswissenschaftsschule auch auf der
Grundlage von Koran und Sunna, der Lebensweise des Propheten (s). Er ergänzte
dazu, dass das Urteil (arab. Fatwa) auch die Umstände der Gesellschaft,
in denen es gefällt wird, berücksichtigen sollte. Abu Hanifa setzte sich mit der
folgenden Frage aus: Was sollen die islamischen
Gelehrten tun, um für diese ständige Entwicklung die entsprechenden Richtlinien
zu finden?
Abu Hanifa entschied
sich, bei neuen Rechtsfragen zuerst im Koran zu suchen. Wenn er im Koran keine
direkte Lösung findet, sucht er in der Sunna. Dann sucht er in den
Überlieferungen von den Prophetengefährten, Abu Bakr, Umar, Uthman und Ali (r).
Erst wenn er da keine Lösung findet, benutzt er sein eigenes Denkvermögen und
versucht, Vergleiche zu ziehen. Zum Beispiel: Das Thema Drogen wurde bisher
nicht behandelt. Aber man kann Drogen mit Alkohol vergleichen, da sie das
Bewusstsein beeinflussen. Folglich ist das Einnehmen von Drogen auch verboten
(haram). Ähnlich wurden weitere Rechtsfragen behandelt. Es wurde immer nach
Vergleichen gesucht im Koran, in der Sunna und bei den Gefährten.
Dies war Abu Hanifas
neue Methode. Er wurde dafür anfangs von den Gelehrten im Hidschaz kritisiert.
Abu Hanifa war jedoch fest überzeugt und dachte: „Ich muss Antworten finden zu
allen neuen Rechtsfragen in der Gesellschaft, die sich schnell und ständig
entwickelt. Wenn ich dies nicht tue, werden wir von anderen Kulturen und
Gesellschaften überholt.“
Ein sehr wichtiger
Aspekt der Koexistenz, nicht wahr?
Später verstanden die Gelehrten im Hidschaz seine Methode und akzeptierten sie,
da bei ihnen nun auch Veränderungen eintraten, die zu Fragen führten, welche sie
nicht mehr direkt aus Koran und Hadith beantworten konnten.
Die erste Leistung
Abu Hanifas war die Erkenntnis, dass er aus den Koranversen und Hadithen Regeln
für alle Lebenssituationen finden kann. Der Koran ist gültig für alle
Situationen und Zeiten, also findet man im Koran auch für alles eine Lösung,
wenn man nachdenkt.
Der Islam stellt eine
komplette Lebensweise dar und ist für alle Zeiten und für alle Gesellschaften
geeignet.
Einmal kam ein Mann
zu Abu Hanifa und fragte ihn: „Wenn du eine Meinung hast und im Koran eine
andere findest. Welche befolgst du?“ Abu Hanifa sagte: „Den Koran natürlich.“
Der Mann fragte weiter: „Und wenn du eine Meinung hast und im Hadith eine andere
findest. Welche befolgst du?“ Abu Hanifa sagte: „Den Hadith natürlich.“ Der Man
fragte weiter: „Und wenn du eine Meinung hast und bei den Gefährten des
Propheten (s) eine andere findest. Welche befolgst du?“ Abu Hanifa sagte: „Die
der Gefährten (r) natürlich.“ Der Mann fragte weiter: „Wenn du eine Meinung hast
und bei den Nachfolgern der Gefährten (r) (arab. Tabi’in) eine andere
findest. Welche befolgst du?“ Da sagte Abu Hanifa: „Ich analysiere das Problem
und denke über die naheliegendste Auslegung einer ähnlichen Stelle in Koran und
Sunna nach. Das war die Vorgehensweise der Gefährten und die ihrer Nachfolgern.“
(arab. Idschtihad).
Eine weitere
Pionierarbeit Abu Hanifas war, dass er die Überlegung hatte, die neuen Probleme
nicht abzuwarten und dann nach Lösungen zu suchen. Er hatte die Idee,
"virtuelle Rechtsfragen" aufzuwerfen, die in Zukunft erwartet werden
könnten, und bereits Lösungen für diese Probleme zu finden. Auf diese Weise war
er seiner Zeit voraus und bereit für die kommenden Rechtsfragen. Zum Beispiel
war er der Erste, der über die Übersetzung des Koran sprach.
Er war wirklich ein
Pionier, der Themen ansprach, die heutzutage aktuell sind.
Es war keine einfache
Arbeit, sich über die Bedürfnisse der Nation Gedanken zu machen und nach
Lösungen in Koran und Sunna zu suchen, anschließend Vergleiche zu ziehen und
eine islamische Rechtswissenschaft aufzustellen. Eine Arbeit, die er allein kaum
schaffen konnte. Abu Hanifa war ein Befürworter von gemeinsamen Entscheidungen
und von Teamarbeit.
Bei Abu Hanifa war
die Gedankenfreiheit groß geschrieben.
Er zwang seinen Studenten nie seine Ideen auf. Sie hatten immer die Freiheit zu
allen Angelegenheiten, eine eigene Meinung zu haben. Er wollte nicht, dass sie
Kopien von ihm werden. Sie sollten ihre eigene Persönlichkeit und ihre eigenen
Argumente haben. Obwohl die Schule "Abu Hanifas Schule der Rechtswissenschaft"
heißt, findet man viele Meinungen, die nicht seine eigenen waren. Es waren die
Meinungen seiner Studenten, die wissenschaftlich geprüft und hinterlegt wurden.
Er ebnete durch seine
Methode in der islamischen Rechtswissenschaft den Weg für andere Wissenschaften.
Er förderte den Verstand, um zukünftige Probleme vorauszusehen und Lösungen
vorzubereiten. Er lieferte auch ein hervorragendes Beispiel für Teamarbeit.
Seine Arbeit war
somit ein Vorläufer für den Aufschwung in allen Wissenschaften.
Abu Hanifa und
Al-Schafi’i waren die Begründer des wissenschaftlichen Denkens. Wir können ohne
Übertreibung sagen, dass sie zum Einsatz der wissenschaftlichen Entwicklung
beigetragen haben, die später in Europa begonnen hat. Gaber Ibn Hayyan und Ibn
Ruschd (im Andalusien) haben diese wissenschaftlichen Methoden nach Europa
übertragen. Wie ihr alle wisst, stand damals in Europa die Religion im
Widerspruch zur Wissenschaft. Dort sollte die Religion von den Wissenschaften
getrennt bleiben, damit sich diese entwickeln konnten.
Im Islam dagegen
bildet die Religion eine Grundlage für die wissenschaftliche Entwicklung auf
allen Gebieten.
Abu Hanifas
Lehrkreis:
In Abu Hanifas
Lehrkreis saßen in der ersten Reihe vierzig erfahrene Gelehrte aus den
verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen. Sie alle arbeiteten zusammen, um ein
gemeinsames Ziel zu erreichen.
Schade, dass
heutzutage viele Menschen einander nicht zuhören können und unfähig sind,
friedlich miteinander zu leben!
In der heutigen Folge
möchte ich Ihnen, liebe Zuschauer, ein Denkmodell präsentieren:
Lasst uns miteinander
reden und gemeinsam, was für die Gesellschaft unternehmen, unabhängig davon wie
unterschiedlich wir sind.
Die Gelehrten im
Hidschaz blieben bei ihren Ansichten und die im Irak entwickelten sich nach
ihren Ansichten. Somit ergänzten beide das Bild der islamischen Denkweise und
bereicherten die menschliche Kultur.
Unterschiede dürfen
kein Grund für Konflikte sein. Im Gegenteil! Wir sollten diese Verschiedenheit
akzeptieren und davon profitieren. Im Koran steht: [Und hätte dein Herr es
gewollt, so hätte Er die Menschen alle zu einer einzigen Gemeinde gemacht; doch
sie wollten nicht davon ablassen, uneins zu sein.]
(11:118).
Der Lehrkreis von Abu
Hanifa begann als er 40 Jahre alt war und blieb 30 Jahre lang bestehen. Die
Teilnehmer gingen morgens zu ihrer Arbeit und hielten ihre Treffen vom
Abendgebet (Maghrib) bis nach dem Nachtgebet (Ishaa). Abu Hanifa arbeitete zu
dieser Zeit weiterhin als Händler. Er war ein sehr erfolgreicher und reicher
Händler. Er war also ein Gelehrter, der auch einen Beruf ausübte.
Auf seiner rechten
Seite saß sein Student Abu Yusuf und auf seiner linken saß sein zweiter Student
Zufar, Muhammad Ibnul-Hassan. Jeder saß mit Papier und Stift bereit. Hunderte
saßen vor ihnen. Abu Hanifa begann eine Diskussion in Wirtschaft,
Landwirtschaft, oder einem anderen Thema, indem er fragte: „Was wäre die Meinung
im Islam zu der und der Sache?“ Ein Experte begann das Thema aus seiner Sicht zu
analysieren. Dann
begann die Diskussion. Jeder durfte seine Meinung sagen.
Das Vorrecht zum Wort
hatten die ersten Reihen. Und jeder musste seine Hand heben und abwarten, bis er
das Wort bekam.
Abu Hanifa sagte
seine Meinung nie als Erster. Manchmal äußerte er natürlich auch seine Ansichten
und leitete die Diskussion. Er beauftragte Abu Yusuf am Ende aufzuschreiben, was
die Gemeinschaft beschlossen hatte. Manchmal gab es auch mehrere Meinungen. Dann
musste Abu Yusuf alle Meinungen niederschreiben. Der zweite Student schrieb den
gesamten Verlauf der Diskussion auf, damit jeder erkennen konnte, wie es zu der
Entscheidung gekommen war und welche Gründe für die verschiedenen Beschlüsse
vorlagen. Wenn die Meinungsunterschiede zu groß waren, bat er jede Gruppe die
Meinung der anderen Gruppe zu übernehmen und diese zu verteidigen. Auf diese
Weise wollte er vollkommene Objektivität in den Entscheidungen garantieren. Dies
ist in heutiger Zeit eine bewährte wissenschaftliche Methode, um objektive
Entscheidungen zu treffen. Abu Hanifa hat diese Methode bereits in den 80er
Jahren n.H. eingeführt!
Während der
Pilgerfahrten, diskutierte er verschiedene Themen mit den Gelehrten aus dem
Hidschaz und manchmal kehrte er zurück und meinte: „Ich vertrat früher die und
die Ansicht, aber jetzt vertrete ich eine andere Ansicht.“ Es war kein Problem
für ihn seine Meinung zu ändern, wenn er feststellte, dass es eine bessere
Ansicht gab. Es war auch kein Problem für ihn, einen Irrtum zuzugeben, obwohl er
einer der größten Gelehrten seiner Zeit war.
Einmal verwarnte er
Abu Yusuf, weil er seine Meinung direkt niedergeschrieben hatte. Er sagte ihm:
„Das war doch nur meine Meinung. Warte ab, bis wir alle Meinungen gehört haben.“
Ein anderes Mal, als
er ein bestimmtes Thema kommentierte, sagte ein Mann zu ihm, er hätte Unrecht.
Abu Hanifa antwortete nicht und blieb still. Als er seine Argumentation
fortsetzte, sagte ein anderer Mann, er wäre im Unrecht. Ein älterer Anwesender,
der zum ersten Mal am Lehrkreis teilnahm, wunderte sich wie Abu Hanifa eine
solche Redeweise erlauben konnte. Wie konnte er, der großartige Gelehrte, es
akzeptieren, von jüngeren Studenten kritisiert zu werden. Abu Hanifa beruhigte
ihn und erklärte, dass dies keine Respektlosigkeit war. „Das ist genau das, was
ich ihnen beigebracht habe. Hast du nicht von der einen Frau gehört, die Umar
(r) während seiner Predigt verbesserte?“
Meine Damen und
Herren, was meinen Sie nun zu dieser Geschichte?
Wer unter uns hört es
gerne, wenn jemand behauptet, er sei im Unrecht?
Wer unter uns
motiviert sogar andere dazu, ihm Bescheid zu sagen, wenn er einen Fehler macht?
Abu Hanifas Wissen:
Abu Hanifa war nicht
nur gut darin, die Leute zusammenzubringen, er war auch ausgezeichnet in seinem
Wissen und seiner Weisheit. Imam Malik sagte über ihn: „Bei Allah, wenn dieser
Mann dich davon überzeugen wollte, dass ein Holzpfeiler aus Gold bestehe, er
wäre in der Lage dazu.“ Sein Student Abu Yusuf erzählte: „Wir waren anderer
Meinung mit Abu Hanifa, aber bei Allah, es vergingen nur wenige Tage und wir
gelangten zu der Meinung, die Abu Hanifa schon zu Anfang geäußert hatte.“ Sein
Student, Zufar, sagte: „Wir sammelten Wissen von verschiedenen Menschen. Bei
jedem fanden wir einen Teil zu einem bestimmten Thema. Bei Abu Hanifa fanden wir
es vollständig.“ Al-Schafi’i sagte: „Ich kenne niemanden auf der Welt, der
Rechtsfragen ableiten kann besser als Abu Hanifa.“
Der damalige Führer,
Al-Mannsur, fragte Abu Hanifa einmal wie er sich dieses umfangreiche Wissen
aneignen konnte. Er antwortete, er hätte es von den Gefährten Umars, Ibn Massuds
und Alis (r) erworben. Al-Mannsur sagte: „Kein Wunder, dass du reichliches
Wissen hast!“.
Zum Lehrkreis von Abu
Hanifa kamen viele Leute von außerhalb gerannt, wenn sie den Ruf „Allah ist
groß“ (Allahu Akbar) hörten, weil sie somit wussten, dass nach tagelanger
Diskussion endlich eine Lösung erreicht wurde. Alle waren gespannt, die Lösung
zu hören.
Mitglieder dieses
Lehrkreises bevorzugten es, wichtige private Angelegenheiten zu verschieben oder
abzusagen, um diese wissenschaftliche Atmosphäre zu genießen.
Menschen lieben es, wenn andere ihre Meinung respektieren und werden dadurch
kreativ.
Muhammad Ibnul-Hassan
wurde später ein Lehrer von Imam Al-Schafi’i. Abu Yusuf wurde der
Gerichtsvorsitzende für den gesamten islamischen Staat und später der Berater
des Kalifen Harun Ar-Rashid. Als Abu Yusuf starb, betrug sein Reichtum 2
Millionen Dinar. Man bat ihn vor seinem Tod, einen Wunsch zu äußern und er
sagte: „Ich wünschte, ich könnte für mein halbes Vermögen an einer Sitzung mit
Abu Hanifa wieder teilnehmen.“ - Gott hab sie alle seelig!
Lasst uns ein paar
"fiktive Rechtsfragen" darstellen, die Abu Hanifa in seinen Seminaren
behandelte:
-
Einmal sagte Abu Hanifa: „Stellt euch vor, die Flüsse Tigris und Euphrat
würden zurücktreten (trocknen).“ Die Menschen begannen ihre Vorstellungen zu
äußern. Abu Hanifa sagte dann: „Was würde passieren, wenn Inseln entstehen
würden und einige Menschen sich diese aneignen und anpflanzen würden?“ Es
benötigte einige Zeit bis sie zu der Entscheidung gelangten, dass es
gesetzlich und für den Nutzen der gesamten Nation wäre. Dann begann sich das
Thema zu verzweigen. Zum Beispiel: Braucht man dazu eine Genehmigung vom
Herrscher? Einige waren dafür und andere dagegen. Abu Yusuf musste beide
Meinungen niederschreiben.
-
Eine
weitere Frage war: „Was passiert, wenn jemand Abfall in den Tigris oder
Euphrat werfen würde?“ - Das passiert doch heute auch in anderen Flüssen! -
Der Lehrkreis entschied: „Er muss verwarnt werden und eine Strafe bezahlen,
weil der Fluss für alle ist.“ Abu Hanifa ging darauf hin zum Herrscher und
schlug vor, eine Kommission einzusetzen, die den Euphrat und Tigris
überwachen und Verschmutzer bestrafen sollte.
-
Ein
weiteres Thema, das im Lehrkreis behandelt wurde, bezog sich auf die vielen
neuen Muslime nicht arabischer Herkunft: „Ist es für einen Muslim, der kein
Arabisch kann, erlaubt, die Fatiha (Sure 1 im Koran) während des
Gebets in seiner eigenen Sprache zu rezitieren?“ Sie entschieden, dass es
erlaubt sei und viele Menschen von außerhalb des Seminars widersprachen
dieser Meinung. Ein Bote eilte vom Hidschaz zu Abu Hanifa und warnte davor,
dass diese Erlaubnis zum Verlust der Religion und der arabischen Sprache
führen könnte. Als Abu Hanifa die Ansicht der Gelehrten im Hidschaz hörte,
informierte er seinen Lehrkreis darüber. Sie entschieden sich, dass es neuen
Muslimen nur solange erlaubt war, die Fatiha in der eigenen Sprache zu
rezitieren, bis sie die arabishce Sprache erlernt haben. Sie entschieden
auch, dass jeder Muslim verpflichtet ist, die arabische Sprache zu erlernen.
Könnt ihr dieses
Verständnis für Meinungsfreiheit erkennen? - Diese großartige Auffassung von
Koexistenz!
Abu Hanifa war in der
Lage, die Probleme seiner Gesellschaft zu erkennen und sie in gemeinsamer
Diskussion und im Dialog zu lösen.
Somit haben der Islam
und die islamischen Gelehrten der Welt einen Gefallen erwiesen, indem sie diese
zivilisierte Form des Miteinanders eingeführt haben.
Bitte lasst uns
darüber nachdenken wie wir unsere Meinungsverschiedenheiten im Dialog lösen
können!
Euch allen, Gute
Nacht und Allahs Friede sei mit euch.
[i]
salla-l-lahu 'alaihi wa sallam:
Allah segne ihn und schenke ihm Heil. Segensformel, die nach koranischer
Aufforderung (vgl. 33:56) bei der Erwähnung des Propheten Muhammad
gesprochen werden soll. Nach islamischer Tradition wird dies vor allem
regelmäßig bei der Erwähnung des Propheten getan.
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